Götz Dahlmüller:
Tempo, Tempo.
Ein Versuch über die nicht enden wollende Agonie.
135 Seiten
EUR 10,00
ISBN 3-88349-414-3

Dieser Versuch beansprucht nicht mehr und nicht weniger, als die definitive Kritik des Kapitalismus zu sein. Da leider anzunehmen ist, daß der triumphale Todeskampf desselben noch einige Zeit andauern wird, ist nicht auszuschließen, daß auch diesmal die Realität die Theorie überholen wird.
Textprobe:
In all diesen Veranstaltungen, diesen Zeitsparorgien, dem Geschwindigkeitswahn, dem Krieg in den Städten, der Rekordhuberei wird deutlich, daß die Rationalität gnadenloser Naturbeherrschung mittlerweile in fast alle Poren der Gesellschaft eingesickert ist. Alles technisch-maschinell Machbare ist besser als das Menschliche. Das Auto ist besser als die Füße. Mountainbiking ist besser als Gehen. Schnell ist besser als langsam. Noch schneller ist noch besser. Schade, daß wir noch nicht schneller schlafen können, dann könnten wir noch mehr »Zeit sparen« für die wichtigen Dinge des Lebens. Beim Essen geht's doch schon. Beim »Kommunizieren« auch. In einer halben Stunde die ganze Bekanntschaft durchtelefoniert. Das hätte früher Wochen gedauert, die alle zu besuchen. Und was für ein Aufwand! Dann noch schnell mit dem Auto bei Oma vorbeigefahren. Wieder »Zeit gespart« für die wichtigen Dinge des Lebens.
Aber auch heute schon wird für die Natur eine Menge getan. Im Naturschutz sind wir führend. Das macht uns so schnell keiner nach. So viele Naturschutzgebiete und Biotope. So viele Naturschutzbeauftragte. So viele aktive Naturschützer in Nabu, BUND und anderwärts. Und so fahren sie denn, die aktiven Naturschützer, mit ihren dicken Schlitten zu ihrem Biotop, damit die Tiere auch ja mitkriegen, daß sie wieder da sind, die Retter der Natur, rackern und ackern und pflanzen und säen und heben aus und schieben weg, einen großen Teil ihrer wertvollen Freizeit widmen sie sich ihrem Biotop, hegen und pflegen es.
Und dann endlich ist es so weit. Die erste Libelle ist da! Die erste Gelbbauchunke! Die erste Orchidee! Das erste Kranichpaar brütet hier! In unserem Biotop! Und spätestens dann am besten den Laden dichtgemacht. Elegante Lösung: die Wege verfallen lassen, ein bißchen nachhelfen dabei. Ruppige Lösung: einen Zaun drum. Betreten verboten! Rein dürfen nur die aktiven Naturschützer zur Hege und Pflege oder um den Fuchs abzuknallen, der die Kranichbrut bedroht. Das blöde Volk wird auf einigen noch verbliebenen Wegen großräumig um die Naturschutzgebiete herumgelotst, wo sich dann am Wochenende die Kinder, Kinderwagen, Eltern, Hunde, Waldläufer und Mountainbiker um ihren »Erholungsraum« streiten.
Auch sonst sind die aktiven Naturschützer rege. So etwa blockieren sie durch Prozeßlawinen die Elektrifizierung von Bahnstrecken. Warum? Ihre Biotope seien durch die Elektrifizierungsarbeiten bedroht. Schnuppert die Gelbbauchunke so gerne Diesel? Soll alles beim Alten bleiben? Klar ! Soll alles beim Alten bleiben. Und so fahren die Aktiven weiter mit ihren dicken Schlitten zu ihrem Biotop, das geht flott, das »spart Zeit«.

Götz Dahlmüller, geb. 1941, Dr. phil., arbeitet als Philosoph an der Fachhochschule Hildesheim, lebt mit Weib und Kind in Hamburg an einer verkehrs»reichen« Kreuzung (46.000 Projektile pro Tag).
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