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Thomas Collmer:
Aktuelle Perspektiven einer immanenten Hegel-Kritik.
Negative Totalisierung als Prinzip offener Dialektik.

438 Seiten
EUR 30,50
ISBN 3-88349-398-8


Aufgrund von Explikationsdefiziten, die gerade die Grundoperationen der Hegelschen Konzeption und Methode betreffen, wird Dialektik heute wenig verstanden. In der gegenwärtigen philosophischen und politischen Situation gilt Dialektik als »out«. Dem tritt die vorliegende Arbeit entgegen: sie versucht Dialektik auf eine operationsfähige Grundlage zu stellen und erweist ihre sachliche Relevanz für aktuelle Diskussionszusammenhänge.

In ausführlichen, immanent-kritischen Rekonstruktionen wird »Negativität« (»Negation der Negation«) als rationale Basisoperation der Hegelschen Wissenschaft der Logik nachgewiesen. Von hier aus wird Dialektik als »aus sich selbst heraus reicher werdender Logos« begreiflich: Antinomienproblem, basale Selbstreferenz, »schlechte Unendlichkeit« und logisches Zeigen bezeichnen der Sache nach dieselbe Komplexitäts-, Sinn- und Strukturproblematik, der sich jede umfassende Rationalitätstheorie gegenübersieht. Indem man »mit Hegel gegen Hegel« Negativität fundamentalisiert und dem Prinzip »Identität ist Negativität« konsequent Rechnung trägt, ergibt sich, daß Dialektik nur »offen« konzipiert werden kann, und daß Hegel interne Inkonsequenzen begeht, insofern sein Konzept auf Geschlossenheit führt.

»Negative Totalisierung« wird als die potentiell dialektische Grundfigur rekonstruiert, deren Selbstanwendung sich als Prinzip einer dialektischen Gesamtkonzeption vertreten läßt, wenn es gelingt, zwischen legitimem und illegitimem Gebrauch hinreichend klar zu unterscheiden. Die vorliegende Arbeit macht vor allem Hegels Reflexionslogik einer modernen diskurstheoretischen Rezeption zugänglich, und sie versucht, den »dialektischen Widerspruch« und das »spekulative Moment des Logischen« (als zeigende Horizont-Internalisierung, im Sinne einer »Logik des Konkreten«) differenziert zu erläutern. Der Verfasser vertritt den Standpunkt, daß moderne Diskurstheorie ihr Ziel, sprachliche Vernunft im vollen Sinne zu thematisieren, verfehlt, solange ihr Reformulierungsprogramm vor dem Hegelschen »Diskurs aller Diskurse« abstoppt. Speziell aufgegriffen wird auch die Thematik »materialistischer« Konzeptionen: Dialektik wird zur »Basisontologie« mit lediglich konstellativ leitenden Totalitätsbegriffen und Strukturhypothesen, die nach Art der »bestimmten Negation« je situativ zu respezifizieren sind.

Die Arbeit beschränkt sich keineswegs auf bloße Hegel-Exegese, sie konfrontiert vielmehr eine ganze Reihe meist aktueller Theorien und Ansätze mit dem an Hegel erarbeiteten Dialektikmodell. Dabei sollen sowohl Defizite jener Theorien mit Hilfe dieses Modells aufgezeigt und behoben, als auch dessen eigene Kriterien weitergehend expliziert und problematisiert werden. Dieser Doppelstrategie dienen Untersuchungen zu Marx, zu Heidegger, zum späten Sartre, zur Analytischen Philosophie, zu Schnädelbachs Diskurstheorie, Lacans Tiefenpsychologie sowie zum an Adorno anschließenden »Indizienparadigma«. Im Zuge dieser Gedankenbewegung, die klären möchte, wie, warum und mit welchen Theorien man heute als Dialektiker arbeiten kann, wird immer wieder die »Teilnehmerperspektive« des Verfassers deutlich: er ist überzeugt, daß Dialektik in dem Projekt einer kritischen Fortsetzung der Kritischen Theorie den ihr zukommenden Ort wiederfinden kann und sollte.